Mit Ü50 oder nach Langzeitarbeitslosigkeit zurück ins Berufsleben

Auch wenn die Zahlen gegenüber anderen Berufs- und Altersgruppen geringer ausfallen, es gibt sie und die Herausforderungen sind groß. Die Rede ist von höchstqualifizierten, studierten Personen, die dennoch arbeitssuchend sind. Das ist häufig der Fall bei Über-Fünfzigjährigen und/oder langzeitarbeitslosen Akademiker:innen. Sie gehören dazu?

Geben Sie die Hoffnung nicht auf, sondern passen Sie Ihre Bewerbungsstrategie Ihrer Situation an! Gegenüber beiden Gruppen bestehen in manchen Personalabteilungen zwar Vorurteile, denen sollten Sie sich im Bewerbungsprozess aber am besten offen und selbstbewusst stellen.
Die Vorbehalte gegenüber Langzeitarbeitslosen betreffen vorrangig ihre Zuverlässigkeit und ihre Motivation gefolgt von der fachlichen Qualifikation. Widerlegen Sie dies in Ihrer Bewerbung daher zum Beispiel dadurch, dass Sie einer kontinuierlichen ehrenamtlichen Tätigkeit oder Weiterbildungsmaßnahmen nachgegangen sind. Wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung zeigt, war 2016 fast die Hälfte der befragten Betriebe durchaus bereit, Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben. In Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden waren es sogar 64 Prozent.

Folgende Umstände verbessern dabei Ihre Aussichten:

  • Lohnzugeständnisse, z.B. Reduzierung des Gehaltes in der Probezeit
  • Bezuschussung, z.B. Eingliederungszuschuss
  • Persönliche Empfehlung, z.B. „Vitamin B“

Natürlich interessiert man sich in den Personalabteilungen auch für die Gründe Ihrer langen Arbeitslosigkeit. Geben Sie dafür eine ehrliche Begründung mit positivem Ausblick: Welche Probleme gab es, aber was hat sich geändert, das Sie nun zu einem wertvollen Teammitglied macht?
Bei arbeitslosen Akademiker:innen über 50 kommen bei HR-Manager:innen dagegen andere Sorgen und Bedenken auf. „Ist die Gehaltsvorstellung nach jahrzehntelanger Erfahrung für uns realisierbar? Kann sich eine ehemalige Führungskraft im jungen Team unterordnen? Bringt der Kandidat/die Kandidatin genug Energie und Flexibilität mit? Wie steht es um die digitalen Kompetenzen?“ Versuchen Sie, sich in die andere Seite hineinzuversetzen und hebeln Sie möglichst viele Vorurteile aus.

Wichtig: Sie kennen sich selbst am besten. Arbeiten Sie an Ihren „Baustellen“, z.B. mit einem Coaching. Erfahrene Personaler:innen enttarnen Ihre Schwachstellen schon in einem Vorstellungsgespräch recht schnell. Es hilft Ihnen an dieser Stelle wenig, diese Unzulänglichkeiten schönzureden.

Allerdings lässt es sich auch leider nicht leugnen, dass einige Personalabteilungen bestimmte Lebensläufe direkt aussortieren. Betroffene sollten daher neben klassischen Stellenbörsen auch auf private Kontakte setzen, um direkt persönlich oder durch Empfehlungen punkten zu können.

Wie unterstützt der Staat arbeitslose Akademiker:innen?

In erster Linie hilft die Arbeitsagentur bzw. das Jobcenter Akademiker:innen ohne Job finanziell durch die Auszahlung von Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II („Hartz 4“). Um alle Fragen zu Anspruch, Antrag und Leistungen zu beantworten, stellt die Agentur für Arbeit Übersichts-Webseiten zu ALG I und ALG II bereit.

Des Weiteren haben Sie einen Anspruch auf finanzielle Förderungen, die Ihre Arbeitswiederaufnahme unterstützen können. Dies kann z.B. ein für Sie kostenloses Job- oder Bewerbungscoaching (AVGS) oder eine Weiterbildung (Bildungsgutschein) sein. Fragen Sie Ihre:n Arbeitsvermittler:in danach.

Darüber hinaus gibt es innerhalb der Agentur für Arbeit das Team „Akademische Berufe“, welches Absolvent:innen und Berufserfahrene über Folgendes informieren und beraten soll:

  • Den aktuellen lokalen und überregionalen Arbeitsmarkt
  • Berufseinstiegs- und Umstiegsmöglichkeiten
  • Bewerbungsstandards und -strategien
  • Fragen zur beruflichen Weiterbildung
  • Existenzgründung

Für schwerbehinderte Akademiker:innen gibt es zudem eine eigene Kategorie auf der Webseite der Agentur für Arbeit.

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Viele Hilfsangebote der Arbeitsagentur sind allerdings nicht primär auf Akademiker:innen zugeschnitten, da sie nicht zur Kernklientel gehören. Ist Vielen schon mit dem gemeinsamen Strukturieren des Lebenslaufs oder dem Besuch eines Englisch-Grundkurses geholfen, bringen Hochschulabsolvent:innen diese Fähigkeiten in der Regel bereits mit. Zudem ist es für eine:n einzige:n Berater:in schwierig, angesichts der diversen akademischen Spezialisierungsgebiete und der noch zahlreicheren Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis, sofort passende Jobs oder Tipps zur Hand zu haben.

Wer als Akademiker:in die Hilfe der Arbeitsagentur sucht, tut also gut daran, die persönlichen Bedürfnisse und potenziellen Einsatzgebiete möglichst genau zu beschreiben. Gleichzeitig gibt es bei den einzelnen Jobcentern Bemühungen, den Service für Akademiker:innen zu verbessern, etwa durch den Schulterschluss mit Universitäten in der Region und eine gewisse Spezialisierung einzelner Berater:innen auf akademische Berufe. Aber: Verlassenen Sie sich nicht nur auf jene, versuchen Sie sich selbst zu helfen.

Ihre Pflichten als arbeitssuchende Akademiker:in

Wenn Sie in der Übergangszeit Ihrer Arbeitslosigkeit ALG I oder ALG II in Anspruch nehmen, haben Sie dadurch gewisse Pflichten gegenüber der Agentur für Arbeit bzw. dem Jobcenter. In erster Linie wird vorausgesetzt, dass Sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass Sie eigeninitiativ Bewerbungen schreiben und auf Vermittlungsangebote reagieren müssen. In dem Kontext fragen sich viele Akademiker:innen, was für sie als eine zumutbare Arbeit gilt. Laut Gesetz ist das tatsächlich erst einmal jeder Job. Das regeln § 10 SGB II und § 140 SGB III. So dürfen arbeitslose Akademiker:innen Tätigkeiten nicht ablehnen, weil sie dafür überqualifiziert sind oder sich ein höheres Gehalt wünschen. Wer eine zumutbare Arbeit ablehnt, dem drohen Sanktionen – in der Regel in Form einer Kürzung der Bezüge.

Es gibt jedoch auch Ausnahmen, wann eine Arbeitsaufnahme als nicht zumutbar gilt:

  • Wenn Sie körperlich, geistig oder seelisch nicht zu der Ausübung einer Tätigkeit in der Lage ist.
  • Wenn eine Tätigkeit Ihre Fähigkeit beeinträchtigt, Ihrem eigentlichen Beruf nachzukommen.
  • Wenn durch die Annahme einer Tätigkeit die Kinderbetreuung nicht mehr sichergestellt wäre.

Bringen Sie eines dieser Argumente gegen das Annehmen eines Jobs vor, müssen Sie dafür Nachweise erbringen und sollte sich auch darauf einstellen, dass die Agentur für Arbeit/das Jobcenter diese genau prüft.

Wenn Sie sich arbeitssuchend gemeldet haben, werden Sie zudem von Zeit zu Zeit Einladungen zu Gesprächen mit Ihrem Ansprechpartner/Ihrer Ansprechpartnerin oder auch zu Weiterbildungsveranstaltungen erhalten. Wie bereits erwähnt, sind nicht alle dieser Maßnahmen sinnvoll für Akademiker:innen. In diesem Fall können Sie mit Ihrem Berater bzw. Ihrer Beraterin darüber sprechen, doch sollten Sie nie eigeninitiativ fernbleiben, da auch hier ein Fehlen in der Regel mit Sanktionen verknüpft ist. Ausnahmen bestehen beispielsweise, wenn Sie krank sind oder Sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen sind, welches zur gleichen Zeit stattfindet. Schließlich gehört es zu den Pflichten von ALG II Empfänger:innen, eine sogenannte Ortsabwesenheit im Vorfeld mit der Agentur für Arbeit/dem Jobcenter abzustimmen. Der Antrag dafür sollte höchstens 14 und mindestens sieben Tage vor Beginn der geplanten Abwesenheit eingereicht werden. Der Urlaubsanspruch wird wie in einem üblichen Arbeitsverhältnis behandelt.

Umschulungen und Weiterbildungen – Ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit?

Eine Umschulung ist für arbeitslose Akademiker:innen sicher ein sehr radikaler Weg, um einen Job zu finden, schließlich haben sie bereits viele Jahre in ihre Ausbildung investiert. Überlegenswert ist dieser Schritt für Sie aber vor allem dann, wenn Ihr Berufsbild oder Ihre Branche dauerhaft schlechte oder wenig Zukunftsaussichten hat. Beispiele hierfür sind sicherlich die akademischen Berufe, die eher auf Nischen ausgerichtet sind wie Kunstgeschichte, Meeresbiologie, wenig gesprochene Sprachen etc.

Verschaffen Sie sich ein realistisches Bild zu Ihrer beruflichen Ausgangsposition und lassen Sie sich dabei möglichst weder von Ihren Hoffnungen noch von etwaigen Pessimisten in Ihrem Umfeld beeinflussen. Auch wenn Sie mit Ihrem ursprünglich gewählten Beruf nicht mehr glücklich sind, ist dies natürlich ein guter Grund, über eine Umschulung nachzudenken.

Eine Weiterbildung dauert in der Regel, je nach Thematik, zwischen 4 und 6 Monate. Dadurch erhalten Sie jedoch keinen vollwertigen Berufsabschluss. Sehen Sie eine Weiterbildung also eher als eine schnelle Möglichkeit sich fehlende fachliche und persönliche Kompetenzen anzueignen. Hier ist es wichtig, Ihren persönlichen Bedarf genauestens zu ermitteln oder diesen durch ein Coaching speziell für Akademiker:innen mit professioneller Unterstützung herauszufinden.

Wer Leistungen von der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter bezieht, muss seine Pläne unbedingt mit seinem Arbeitsvermittler bzw. seiner Arbeitsvermittlerin besprechen, damit diese:r seinen Segen gibt. Ist Ihre Idee plausibel und überzeugend, können Sie bei der Suche, als auch bei der Finanzierung einer Umschulung unterstützt werden.

Unter Umständen muss es aber gar kein vollständiger Bruch mit dem bisherigen Beruf sein: Eine gezielte Weiterbildung eröffnet möglicherweise bislang verschlossene Türen. So kann eine neue Fremdsprache den Job im Ausland in greifbare Nähe rücken lassen oder die Schulung auf eine bestimmte Software den Lebenslauf für neue Unternehmen interessant machen.

Ihr Lebenslauf wird durch den Nachweis von Weiterbildungen erheblich aufgewertet, Personaler:innen sehen, dass Sie in der Zeit Ihrer Arbeitslosigkeit etwas getan haben. Sie haben an sich gearbeitet und „Lücken“ geschlossen, bzw. haben sich selbst mit Fachwissen aufgerüstet.
Abgesehen davon haben Weiterbildungen oft auch auf Sie persönlich einen positiven Effekt: Sie selbst kommen wieder in Schwung und auf andere Ideen, sehen Dinge wieder positiver und es gibt Ihnen wieder neue Hoffnung. Ist das nicht schon Grund genug?
Zuletzt aber noch eine gute Nachricht

Der Arbeitsmarkt hat sich spürbar verändert, aufgrund eines nicht mehr weg zu diskutierenden Fachkräftemangels sind tatsächlich auch wieder Mitarbeiter:innen aus der zweiten Reihe gefragt. Diesen wird wieder mehr Beachtung geschenkt, sie werden wieder gesehen. Machen Sie sich wieder sichtbar!

Also, Kopf hoch und Ärmel hochgekrempelt. Machen Sie los!

Burkhardt Vollbrecht

Geschäftsführer & systemisch, integrativer Coach