„Politikwissenschaft? Dann werden Sie wohl der nächste Bundeskanzler, oder was macht man sonst damit?“

Das ist, mit Abstand, die häufigste Reaktion darauf, dass jemand Politik studiert oder studiert hat. Logisch, es heißt ja auch POLITIKwissenschaft und Politiker machen Politik. Was ist also naheliegender, als dass Politikwissenschaftler Politiker würden und Politik machten? Ganz so, wie der Medizinstudent Mediziner wird oder der Jurastudent Jurist. Ganz einfach eigentlich. Aber bei Politikwissenschaftlern ist das Einfache nur selten der Fall. Juristen, Lehrer, Verwaltungsbeamte – die werden Politiker, nicht so der Politikwissenschaftler. Aber was wird er dann?

Als Berufsberater würde ich sagen: Der Politikwissenschaftler ergreift den Beruf, der ihm durch seine Praktika während des Studiums naheliegend erscheint. Denn Politikwissenschaftler sind im besonderen Maße damit konfrontiert während des Studiums viel Gutes, aber wenig berufspraktisches Wissen zu erwerben. Und damit eine besondere Schwierigkeit, beim Übergang vom Studium in den Beruf zu haben. Die meisten greifen, da eben auf die beruflichen Vorgaben aus absolvierten Praktika zurück. Immerhin etwas Berufspraxis, wenn das Studium schon sehr textlastig war. Viele, auch aus meinem Freundeskreis, gehen nach dem Studium schwierige Wege durch Callcenter, Gastronomie und Taxikabinen.

Die Statistiken sehen Politikwissenschaftler in der politischen Bildungsarbeit als Lehrer und Dozenten, in den Medien als Redakteure und Korrespondenten, in den Parteien, Parlamenten und Nichtregierungsorganisationen als Referenten, wissenschaftliche Berater, Öffentlichkeitsarbeiter und Geschäftsführer. Politikwissenschaftler arbeiten in den Verbänden, Gewerkschaften und im öffentlichen Dienst, sie arbeiten als Forscher an Universitäten, in der Weiterbildung oder, wie ich, als Autor und in der Berufsberatung.

Die beruflichen Wege und Möglichkeiten der Politikwissenschaftler sind vielfältig und ohne festes Berufsbild. Ich selbst habe in meinem beruflichen Leben einige sehr unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt: Lektor in der Medienanalyse, Reiseberater für Indienreisen, Copywriter für Webseiten und Social Media, pädagogischer Mitarbeiter eines offenen Jugendtreffs in Kreuzberg, Berufsberater an Schulen, Autor und als Jobcoach.

Wichtig für die Beantwortung der Frage: Soll ich Politik studieren oder was kann ich damit machen? – ist die Beantwortung einer weiteren Frage, nämlich: Weiß ich, von vornherein, was ich will und habe ich einen Plan ihn zu erreichen, oder möchte ich als Politikwissenschaftler beruflich verschiedene Dinge ausprobieren – bis ich etwas für mich richtiges gefunden habe?

Für beides gibt es gute Argumente. Für Menschen, die als Politikwissenschaftler in sicheren Arbeitsverhältnissen landen wollen, empfiehlt es sich, während des Studiums/Schule schon mit Praktika zu beginnen, je mehr, desto besser. Einmal, um den eigenen Berufswunsch zu schärfen, zum anderen um Kontakte zu knüpfen, die beim Übergang vom Studium in den Beruf nützlich sein können. Für diejenigen, die Politik studieren einfach nur interessant fanden (das ist legitim) und offen für verschiedene Bereiche sind, empfiehlt es sich, mit Mut ins Berufsleben zu starten und die möglichen Wechsel der beruflichen Richtung als Gewinn zu betrachten.

Ein berufliches Coaching kann für all jene, die nach dem Studium oder nach unterschiedlichen beruflichen Stationen nach Orientierung suchen, ihr Profil schärfen wollen oder Weiterbildungen ins Auge fassen, empfehlenswert sein.

Daniel Marschall
Jobcoach und Autor